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25.04.2017

Zusammenfassung der Global Health-Konferenz des Centre Virchow-Villermé

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„Putting outbreaks into perspective: Public Health impacts of outbreaks of communicable diseases for France and Germany

Am 24.3.2017 fand in der französischen Botschaft in Berlin eine vom Centre Virchow-Villermé für Public Health Paris-Berlin und dem Robert Koch-Institut organisierte Konferenz mit dem Titel „Putting outbreaks into perspective: Public Health impacts of outbreaks of communicable diseases for France and Germany“ statt.

Durch die Zunahme einer grenzüberschreitenden Mobilität von Menschen sowie des Handels mit Tieren, Lebensmitteln und Futtermitteln, steigt die Bedrohung einer möglichen Ausbreitung von (gefährlichen) Krankheitserregern und Infektionskrankheiten. Ob durch einen unwissenden Reisenden oder einen Vektor, Pathogene können innerhalb kürzester Zeit an jedem beliebigen Ort der Welt gelangen. Allerdings müssen daraus entstehende Ausbrüche und ihre Konsequenzen für Deutschland und Frankreich richtig bewertet werden, in die richtige Perspektive gerückt werden. Denn seit 2015 wird die öffentliche Diskussion von Ebola oder Zika dominiert, und dass obwohl Masern, Influenza, akute Gastroenteritiden oder Infektionen mit tropischen Krankheiten infolge einer Urlaubsreise eine deutlich größere Public Health-Relevanz für Deutschland und Frankreich haben.

Den Organisatoren war es wichtig, das Publikum während der eintägigen Veranstaltung zum Perspektivenwechsel zu ermuntern und Ausbrüche von Infektionskrankheiten aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Während in der ersten Hälfte des Tages die Bewältigung von Ausbrüchen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene vorherrschende Diskussions-Themen waren, wurden am Nachmittag die Ausbrüche von Infektionskrankheiten aus der Perspektive der Gesundheitssicherheit, der Nichtregierungsorganisation und der Impfhersteller betrachtet.

Dr. Udo Götsch, Mitarbeiter im Gesundheitsamts Frankfurt am Main, beschrieb anhand des großen EHEC-Ausbruchs im Jahr 2011, die damals eingeleiteten Maßnahmen und die Schwierigkeiten auf lokaler Ebene. Am Anfang stand ein lokaler Ausbruch, der in Zusammenhang mit dem Verzehr von Lebensmitteln aus zwei Kantinen stand. Erst später wurde deutlich, dass es sich bei dem Geschehen um einen überregionalen Ausbruch handelt. Auch die Befragung von Personen zu ihrem Verzehrverhalten bringt so seine Tücken mit sich: Oder wissen Sie noch, was Sie vor 10 Tagen gegessen haben.

Die Zuständigkeit bei Ausbruchsuntersuchungen liegt grundsätzlich auf Länderebene. Doch die Bewältigung eines Ausbruchs erfordert je nach Anzahl und Schwere der Krankheitsfälle, Art des Erregers und geografische Verteilung der Erkrankten einen großen Koordinierungsaufwand und eine zuverlässige Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Beteiligten. Dr. Andreas Gilsdorf, Leiter des Fachgebiets Surveillance und des Lagezentrums am Robert Koch-Institut (RKI), berichtet, wie das RKI 2011 bei den Untersuchungen zu EHEC hinzugezogen wurde. Die Ergebnisse der Einsatzteams wurden an die rund um die Uhr arbeitenden Mitarbeiter des Lagezentrums im RKI übermittelt, um dort gemeinsam mit Hinweisen aus der Bevölkerung und den Meldungen aus nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden ausgewertet zu werden.

Die Perspektive aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte Dr. Maria Van Kerkhove, Leiterin der Outbreak Investigation Task Force am Institut Pasteur’s Center for Global Health, eindrucksvoll dar. Insgesamt 5.000 Ausbrüche werden monatlich an die WHO gemeldet. Eine Einschätzung, welche Ausbrüche von internationalem Interesse sind und wo Unterstützung bei der Bewältigung benötigt wird, ist hierbei von großer Bedeutung.

Besonders anschaulich wurde der Perspektivenwechsel durch Prof. Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut vermittelt, indem er die globale Ausbreitung einer Infektion aus Sicht des Krankheitserregers und der dem Erreger zur Verfügung stehenden Flugverbindungen aufgezeigte. Aus Sicht des Erregers liegen (mit Hilfe des Flugverkehrs) oftmals tausende von Kilometern entfernte Städte dichter beieinander als ein benachbarter Staat. Computersimulationen können hier helfen, Ausbreitungswege und -geschwindigkeiten vorauszusagen.

Prof. Antoine Flahault von der Universität Genf und Prof. Patrick Zylberman von der Universität Paris Descartes haben die Ausbrüche von Infektionskrankheiten aus der Perspektive der Gesundheitssicherheit beleuchtet. Hierbei stellten Sie heraus, dass interdisziplinäre Ansätze für ein besseres Verständnis von Fragestellungen im Bereich Globale Gesundheit von besonderer Bedeutung sind. In Zusammenarbeit mit WHO entwickeln sie zurzeit ein Simulationsprogramm für Krisen (SRI 3.0).

Dr. Max Gertler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontiers, MSF), veranschaulicht deutlich, dass Ebola nicht die einzige Krise war. MSF ist in unzähligen Ausbrüchen überall auf der Welt eingebunden. Die Zunahme der Bevölkerungsdichte und Reisetätigkeit sowie hohe Behandlungskosten und Antibiotika-Resistenzen stellen sowohl Regierungs- als auch Nicht-Regierungsorganisationen vor große Herausforderung bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Einen interessanten Einblick in die individuelle Motivation, sich (nicht) impfen zu lassen, gab Prof. Judith Mueller von der EHESP French School of Public Health. Sie stellte Ergebnisse aus verschiedenen Studien vor. So konnte Determann et al (2016) feststellen, dass Entscheidung für eine Impfung am meisten durch die Wirksamkeit des Impfstoffes, Beratung über den Impfstoff beeinflusst wird. Prof. Judith Mueller stellte außerdem nicht veröffentlichte Ergebnisse einer Nudging-Studie vor, die im Impfbereich angewendet wurde. Bei der Nudging-Methode wird in der Kommunikation über eine Maßnahme (z.B. Impfung) der potentielle Gewinn für das Individuum oder der potentielle Verlust betont, welcher entsteht, wenn er/sie der Maßnahme nicht zustimmt (z.B. sich nicht impfen lässt).

Andrea Rappagliosi, als Vertreter der Vereinigung der Impfhersteller in Europa (Vaccines Europe), veranschaulichte in seiner Präsentation den langwierigen Produktionsprozess eines Impfstoffes von ca. 18 Monaten, der eine schnelle Reaktion auf akute Ausbrüche unmöglich macht. Außerdem ging er der Frage nach, ob Impfstoffe die nächsten Antibiotika sein können.

Große Einigkeit herrschte bei Teilnehmern und Rednern, dass es nicht akzeptabel ist, dass es durch vermeidbare Infektionskrankheiten wie Masern immer noch zu Todesfällen in hochentwickelten Industrienationen kommt und auch beispielsweise die von einer Grippewelle ausgehenden Gefahren für die Bevölkerung zu wenig kommuniziert werden.

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